Caspar Hermann, der deutsche Offset-Pionier

Wolfgang Walenski am April 6, 2010

Gutenberg revolutionierte mit seinem Buchdrucksystem den Textdruck, Alois Senefelder mit dem ersten Flachdruckverfahren den Bilderdruck. Den bis heute dominierenden Offsetdruck erfanden 1904 unabhängig voneinander Ira W. Rubel und Caspar Hermann.

Zehn Umzüge, zehn Patente und zwei bahnbrechende Erfindungen, denen die Patentierung jedoch verwehrt blieb, dazu eine Familie mit zwei Töchtern und drei Söhnen – Caspar Hermanns Leben ist von schöpferischer, tatkräftiger Rastlosigkeit geprägt. 1891 wanderte der gelernte Lithograf und Steindrucker mit seiner Frau in die USA aus, kehrte 1907 nach Deutschland zurück und wurde hier zum Offset-Pionier. Drei Jahre vorher waren in den USA die beiden ersten funktionstüchtigen Offsetdruckmaschinen für den Druck auf Papier gebaut worden: die eine stammte von Ira W. Rubel, die andere von Caspar Hermann.

Die Vorgeschichte beginnt 1798
Alois Senefelder (1771–1834) entdeckte die drucktauglichen Eigenschaften des Solnhofener Kalkschiefers und erfand darauf aufbauend zwischen 1796 und 1798 ein neues Druckverfahren, denn beim Steindruck befinden sich erstmals druckende und nicht druckende Partien nahezu in einer Ebene. Das für Noten-, Landkarten- und Bilderdruck prädestinierte Verfahren basiert bekanntlich auf der Tatsache, dass Wasser und Öl einander abstoßen. Der Künstler zeichnet und schreibt also mit fetthaltiger Kreide oder Tusche spiegelverkehrt auf den Stein, und nur auf seiner Zeichnung bleibt dann die nach der Feuchtung aufgetragene Druckfarbe haften. Druckform und Ergebnis bezeichnet man als Lithografie (lithos – Stein, graphein – schreiben).
Als originalgrafisches Verfahren wurde die Lithografie erst spät von Künstlern entdeckt, stilbildend wirkten z.B. die Plakate von Jules Chéret und Toulouse Lautrec. Steindruck-Spezialisten findet man heutzutage in Deutschland etwa noch bei Quensen in Lamspringe, bei Kätelhön in Möhnesee oder in der Saal-Presse in Bergsdorf.
Bis zur Erfindung des Offsetdrucks vergingen noch mehr als hundert Jahre. Die Impulse zur Verwirklichung des ersten indirekten Flachdruckverfahrens kamen aus verschiedenen Bereichen. Genutzt wurden sowohl das Rotationsprinzip (rund/rund) des Buchdrucks und des Zinkdrucks, beides direkte Druckverfahren, als auch die Methode des indirekten Druckens über einen Gummizylinder, die im Blechdruck Verwendung fand. Der darauf verweisende Begriff »to set off« erscheint bereits in einem Patent vom 3. Juli 1875. Robert Barclay, ein Engländer in Paris, erhielt es für den zusätzlichen elastischen Gummidruckzylinder in seiner neuen Blechdruckmaschine.

Ira W. Rubel nutzt den Zufall
Ira W. Rubel betrieb in Rutherford, New Jersey, eine Stein- und Zinkdruckerei und bekam 1904 den Auftrag, eine Auflage auf hartem Banknotenpapier zu drucken. Um in seiner Zinkdruck-Rotationsmaschine bessere Ergebnisse zu erzielen, bespannte er den Druckzylinder mit einem Gummituch. Bei einem versehentlichen Leerlauf erfolgte die Farbübertragung auf dieses Gummituch und der nächste Papierbogen wurde beidseitig bedruckt. Rubel fiel auf, dass der seitenverkehrte Abdruck auf der Rückseite die bessere Qualität zeigte, und experimentierte in dieser Richtung weiter. 1905 gründete er zusammen mit zwei Partnern das Sherbel-Syndikat und ließ bei der Potter Printing Press Company eine Rotationsmaschine für den indirekten Zinkdruck bauen. Auf die Zylinderkombination dieser sogenannten Potter Press erhielt Rubel in verschiedenen Ländern Patente. Nach Unstimmigkeiten im Syndikat ging er 1906 nach England, wo seiner Maschine allerdings kein Erfolg beschieden war. Rubel starb im September 1908. Sein Verdienst ist u.a. auch, dass die Bezeichnung Offsetdruck größere Verbreitung fand.
In England gab es eine eigenständige, vom Blechdruck ausgehende Entwicklung, mit der Maschinenfabrik George Mann & Co., Leeds, an der Spitze. Zwischen 1901 und 1914 war Arthur Borroughs Evans hier Erster Konstrukteur und Technischer Leiter. Er rüstete, angeregt durch Rubels Offsetdruckmuster, eine seiner Rotationsmaschinen für Blechdruck zum Druck auf Papier um und erhielt 1908 darauf das Patent. Sie wurde zur ersten kommerziell erfolgreichen Bogen-Offsetdruckmaschine.

Caspar Hermann – visionär, vielseitig, missverstanden?
Als Lithograf und Steindrucker beherrschte der 1871 geborene Caspar Hermann u.a. auch die Raffinessen der Druckformherstellung und war zugleich ein perfekter Umdrucker. Während Rubel den Zufall nutzte, experimentierte Hermann anscheinend schon früh ganz gezielt mit der indirekten Methode. 1903 meldete er sein erstes Patent auf eine lithografische Rotationsmaschine für indirekten Gummidruck auf Papier an; es wurde ihm wegen eines ähnlichen Patentes von 1881, das sich allerdings auf den Blechdruck bezog, verwehrt. Enttäuscht, aber nicht entmutigt, machte er weiter. Als nirgendwo auch nur einfache Offsetdruckmaschinen in Betrieb waren, suchte Hermann von Baltimore aus per Inserat im »Allgemeinen Anzeiger für Druckereien« vom 22.März 1904 Personen, die am Bau einer lithografischen Rotationsmaschine für den Mehrfarbendruck interessiert waren. Die Resonanz scheint nicht groß gewesen zu sein. Im Dezember 1904 folgte ein Briefwechsel mit der Harris Automatic Press Company in Niles, Ohio, über eine Zusammenarbeit, die am 9.Januar 1905 vertraglich besiegelt wurde. Hermann sollte danach sein ganzes Wissen einbringen und Harris-Buchdruckmaschinen für den indirekten Offsetdruck umrüsten. Das tat er und entwickelte dazu auch gleich einen automatischen Bogenanleger, der eine Stundenleistung von ca. 5000 Drucken ermöglichte. Die beiden ersten derart umgebauten Maschinen wurden im Frühjahr 1906 bei der Republic Banknote Co. in Pittsburg aufgestellt.
Ein Fortkommen sah Hermann in den USA wohl nicht, 1907 ging er mit seiner Familie nach Deutschland zurück. Er knüpfte hier Kontakte zu verschiedenen Herstellern und Druckereien. Schließlich kaufte er von der Maschinenbau-Gesellschaft und Harris-Vertretung in Zweibrücken eine Harris-Rotations-Buchdruckmaschine, die er für die Leipziger Großdruckerei C.G.Röder umbaute. Noch im selben Jahr wurde die erste deutsche Bogen-Offsetdruck-maschine namens »Triumph« in Leipzig aufgestellt und in Betrieb genommen. Sie hatte einen automatischen Bogenanleger und druckte im Format 40x60cm ca. 5000 Drucke in der Stunde.
Auf den 26.November 1907 datiert schließlich auch Hermanns erstes Patent, das D.R.P. Nr. 203 612 für ein Vierzylindersystem Gummi gegen Gummi für gleichzeitigen Schön- und Widerdruck. 1909 erwarb die Schnellpressenfabrik Frankenthal Albert & Cie. die Lizenz.

Hermanns »Universal« – eine Weltpremiere
Das Beste in den wechselvollen Jahren bis 1912 war die Begegnung mit Ernst Herrmann, dem Inhaber der Walzengießerei Felix Böttcher in Leipzig, aus der eine enge Partnerschaft wurde. Hieraus resultierte auch die Zusammenarbeit mit der Vogtländischen Maschinenbau AG in Plauen. Die VOMAG baute schließlich mit Hermanns »Universal« die erste Rollen-Rotationsoffsetdruck-maschine der Welt. Premiere war am 25. Juni 1912 bei Felix Böttcher in Leipzig. Von 1913 bis 1920 fand Hermann daraufhin bei der VOMAG ein optimales Experimentierfeld.
Aber es folgten weitere Stellen- und Ortswechsel (Augsburg, Leipzig, Wien, Leipzig), Hermann arbeitete an technischen Verbesserungen, besonders bei der Druckformherstellung, und bekam neue Patente zugesprochen. In den zwanziger Jahren unternahm er in Wien sogar Versuche im Offsetdruck ohne Feuchtung. 1931 druckte er auf der Leipziger Frühjahrsmesse in dieser Weise eine vierfarbige Publikation. Die letzten Probleme im wasserlosen Offsetdruck waren ein Jahr später gelöst, das Patent blieb ihm jedoch versagt. Am 6. November 1934 stirbt Caspar Hermann in Leipzig.
»Zweifellos gehört dem Offsetdruck die Zukunft.« Das wusste Caspar Hermann schon 1912. Bis sich das Verfahren in Deutschland endgültig durchsetzte, vergingen aber noch einige Jahrzehnte. Erst 1981 überflügelte der Offset- den Buchdruck, nicht zuletzt auch wegen des Fotosatzes, dessen Anfänge ebenfalls in der Zeit um 1900 liegen.