Kann man tatsächlich die Mechanismen der Buchbranche mit denen der Musikindustrie vergleichen?
So geschehen durch den Berliner Wirtschaftssenator Harald Wolf auf einer von ihm, dem Verband Druck und Medien Berlin Brandenburg sowie dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels Berlin Brandenburg am 16. Juli initiierten Podiumsdiskussion, auf dem es eigentlich um das elektronische Publizieren im Allgemeinen gehen sollte.
Thematischer Schwerpunkt war dann aber doch das E-Book und dessen Auswirkungen auf die Druckbranche.
Grundtenor der Aussage des Wirtschaftssenators war ein Hinweis darauf, dass die Buchbranche nicht die gleichen Fehler machen sollte, wie eben die Musikindustrie und den Trend E-Book nicht versäumen solle. Die Buchbranche müsse es schaffen, ein eigenes Internetangebot für die „elektronischen Bücher“ der Öffentlichkeit bereit zu stellen. Der Vergleich mit der Musikbranche ist insofern legitim, als dass es im Ergebnis darum geht, ein Medium, sei es ein Tonträger oder ein Buch, derart zu komprimieren, dass es zu einem ständigen Wegbegleiter werden kann, ohne Ballast zu sein. So sind die Zeiten eines tragbaren CD-Players oder gar Walkmans mit der Erfindung des physisch deutlich kleineren MP3-Players längst vorbei. Hinzu kommen die gegen Null gehenden Produktionskosten für die digitale mp3-Version sowie die Möglichkeit, diese über das Internet vertreiben und und erhalten zu können.
Das PDF als Pentdant zu mp3, WAV, WMA und Co. Eine Analogie zu Buch vs. E-Book könnte nahe liegen – könnte!
Aber darum soll es hier eigentlich gar nicht gehen. Um jedoch Rückschlüsse aus einem solchen Vergleich ziehen zu wollen, muss man sich die Verschiedenheit der beiden Medien vor Augen halten. Während Musik durchaus neben anderen Tätigkeiten im Hintergrund laufen kann, liest man ein Buch oder man liest es eben nicht. Abgesehen davon, dass der Konsum eines Buches i.d.R. deutlich mehr Zeit in Anspruch nimmt als selbst ein intensives und bewusstes Hören einer Platte. Dieses unterschiedliche Nutzungsverhalten muss natürlich in Betracht gezogen werden, wenn man derartige Vergleiche bemühen möchte. Aber dies nur am Rande.
Letztlich ist die Diskussion doch wesentlich spannender, welche Auswirkungen das Kommen des E-Books auf die Druckbranche und Verlage haben wird – und dass das E-Book kommen wird, liegt auf der Hand.
So hat der E-Book-Reader Kindle seit seiner Einführung die erwarteten Verkaufszahlen deutlich überschritten. 4,4 Millionen verkaufte Geräte erhofft sich Amazon bereits für 2010. Zeitnah werden technische und monetäre Hindernisse überwunden und die Zahl der Bücher, die in digitalisierter Form zur Verfügung stehen werden, wird drastisch steigen.
In Kalifornien ist, um ein aktuelles Beispiel zu nennen, für das kommende Schuljahr geplant, aus Kostengründen die klassischen Lehrbücher durch E-Books zu ersetzen. Wie das letztlich im Detail umgesetzt werden soll, ob bis dahin zum Beispiel ausreichend Wiedergabegeräte zu Verfügung stehen werden, ist noch völlig unklar. Kaum zu übersehen ist jedoch, dass auch in Deutschland gern nach kostengünstigeren Alternativen Ausschau gehalten wird und die Vision, dass die Lehrbücher an den Schulen künftig in elektronischer Form daherkommen, ist dann natürlich keineswegs mehr abwegig. Daher stellt sich die Frage, welche Konsequenzen dies für die Druckbranche haben wird. Mit zunehmender Popularität der E-Books wird das Druckvolumen abnehmen. Nun muss sich die Branche fragen, welche Rolle sie in Hinblick auf das E-Book spielen will. Wird das E-Book zum verdammungswürdigen Objekt, welches Arbeitsplätze kostet, oder springt man auf den Zug auf und nutzt die Technikaffinität und das Wissen der Drucker im Umgang mit strukturierten Daten und beteiligt sich am Produktionsprozess der E-Books.
Vielleicht lässt sich zum Abschluss doch noch ein Vergleich mit der Musikindustrie ziehen. Feststeht, dass mit den Potenzialen des Internets und der Möglichkeit Musik digital zu erwerben, der Kauf von CDs deutlich zurückgegangen ist. Andererseits hat das Interesse an Schallplatten in den letzten Jahren wieder einen starken Boom erfahren. Übertragen auf die Buchbranche läge daher der Schluss nah, dass vermutlich Taschenbücher künftig durch das E-Book ersetzt werden. Die literarische Entsprechung zur LP, das gebundene Buch, könnte dann aber wieder an Bedeutung gewinnen. Es mag ein antiquiertes und übertrieben nostalgisches Denken sein, aber ein mit guten Büchern gefülltes Regal wird immer Statussymbol sein, denn es suggeriert Wissen. Ganz zu schweigen davon, dass denkbar selten vorkommt, dass ein Buch einfach aus der Bibliothek getilgt wird…