Seit Mitte des Monats werden die deutschen Buchläden vermutlich verstärkt von Eltern pubertierender Kinder frequentiert. In der wohl letzten Hoffnung, die Sprachbarriere zwischen den Generationen einreißen zu können, wird man nach dem so eben gemeinsam von DUDEN-Verlag und dem Hamburger Trendbüro veröffentlichten „Wörterbuch der Szenesprache“ greifen. Nun gut, dass war jetzt ein wenig melodramatisch. Schließlich ist der mit gerade einmal 207 Seiten wohl dünnste DUDEN aller Zeiten nicht einzig ein Wörterbuch der Jugendsprache. Neben dem Wortgebrauch derer, die einmal unsere Rente sichern sollen, findet sich im „Wörterbuch der Szenesprache“, so wie es eigentlich der Titel vermuten lässt, auch das Wortgut der so genannten Trendsetter. Gegliedert ist das Werk in die sechs Bereiche Computertechnologie und Netzwerkkultur, Lifestyle, Partykultur, Schule, Uni und Job sowie Medien und Popkultur.
Die Entstehungsgeschichte des Wörterbuches ist dabei recht genial. Man muss davon ausgehen, dass die so genannten Soziolekte mitunter eine stark abgrenzende Funktion haben. Gerade Jugendsprache hat zum Ziel, sich von der Sprachwelt der Elterngeneration zu unterscheiden. Ein Wörterbuch, welches sich zum Ziel setzt, Jugendsprache aktuell widerzuspiegeln, ist praktisch zum scheitern verurteilt, da es keine kanonisierte Jugendsprache geben kann, sprich, in dem Moment wo Jugendsprache verschriftlicht wird, nimmt man ihr die abgrenzende Funktion. Und Sprache ist zu lebendig, die Jugend zu kreativ, als dass es nicht immer wieder zu neuen Wortschöpfungen kommen würde. Es wäre folglich ein wenig von Erfolg gekröntes Unterfangen, wenn die Redakteure des ehrwürdigen DUDENs sich innerhalb der typischen Aktionsräumen der Jugend auf die Suche nach der Szenesprache gemacht hätten. Das Hamburger Trendbüro und der DUDEN-Verlag sind tatsächlich einen ganz anderen Weg gegangen. Sie haben im Vorfeld ein Projekt im Internet gestartet. Auf www.szenesprachenwiki.de wurden die Mitglieder der Sprachgemeinschaft dazu aufgefordert, die eigenen Wortentdeckungen weiterzugeben und so das Buch aktiv mitzugestalten. Mit anderen Worten sind bei der Entwicklung des Wörterbuches nicht wenige Redakteure auf die Suche gegangen, sondern viele eben auch junge Sprachnutzer haben aktiv an der Entstehung des Wörterbuches teilgenommen. Natürlich hat, wie so oft, auch in diesem Fall eine Elite aus den zahlreichen Vorschlägen ausgewählt. Interessanterweise war es letztlich die Suchmaschine Google, die zur letzten Entscheidungsinstanz wurde. Die Sprachwächter gingen nämlich davon aus, dass ein Wort, wenn es öfters bei Google erscheint, mehr als nur „eine Spaßkonstruktion“ sei. Inwieweit das repräsentativ ist, sei einmal dahin gestellt, aber eine bessere Methode drängt sich nun auch nicht zwingend auf. So macht es durchaus Sinn, sich eben da umzuschauen, wo die sich Jugend am häufigsten sprachlich greifen lässt und Trends der genannten Bereiche als Erstes öffentliche Aufmerksamkeit erhalten – dem Internet.
Ja, und nun steht die Erzeugerfraktion vor Hugendubel & Co Schlange, in der Hoffnung, das ihnen unverständliche Vokabular ihrer unmittelbaren Nachfahren aufdröseln zu können. Wird nicht passieren. Noch bevor man das Buch durchgelesen hat, ist es wahrscheinlich längst schon wieder Schnee von gestern. Wer sich aber für die Kreativität und die Entwicklung innerhalb unserer Sprache interessiert, für den stellt das „Wörterbuch der Szenesprache“ eine interessante Sammlung von interessanten Neologismen dar. Und ein Blick auf www.szenesprachenwiki.de lohnt sich auf jeden Fall.