Das Internet und das Nutzungsverhalten seiner Gemeinde – ein Feld, dass Stoff für unzählige Studien hergibt. Nun bin ich beim Recherchieren auf die Website von eResult gestoßen, die der Frage nachgegangen ist, wie sich das Leseverhalten der Internetnutzer in den letzten Jahren verändert hat – Ausdrucken oder am Bildschirm lesen, das sei hier nun die Frage.
Möglichweise ist mein kleingeistiges Denken ursächlich dafür, dass ich die Notwendigkeit nicht erkenne, warum man diesem Mysterium auf die Schliche kommen sollte. Aber betrachten wir uns doch zunächst erst einmal das Fazit der Untersuchung: „6 von 10 Webnutzern/-innen lesen Texte immer öfter am Bildschirm“ – so das zentrale Ergebnis der Studie. Gefragt wurden 600 Probanten und das ziemlich konkret: „Wie hat sich Ihr Leseverhalten in den letzten Monaten verändert? Lesen Sie Texte zunehmend am Bildschirm oder drucken Sie Texte öfter aus?“ Keinesfalls will ich es an dieser Stelle wagen, den empirischen Ansatz zu kritisieren, aber um auf diese Frage antworten zu können, kann man nur hoffen, dass sich das Leseverhalten auch wirklich verändert hat. Dass man etwa in gleicher Weise das Internet nutzt, wie vor einem Jahr, lässt diese Fragestellung keinesfalls zu. Im Ergebnis muss sich aus der Umfrage also zwangsläufig ein verändertes Leseverhalten ergeben. Und nun dieses überraschende Resultat. „6 von 10 Webnutzern/-innen lesen Texte immer öfter am Bildschirm…“ Das ist ja mehr als die Hälfte. Wahnsinn – und das, wo doch alle Usability-Experten eine gegenläufige Entwicklung prognostiziert haben. Darunter auch der Autor der Studie, wie dieser selbstkritisch zurückschaut.
Okay, nun haben wir ein wenig Polemik betrieben, schauen wir uns doch aber mal die aufgezeigten Gründe für die Entwicklung an:
1. Die zunehmende Nutzung mobiler Endgeräte wie Net- und Notebooks nimmt zu und denen mangelt es in der Regel an einem Drucker und damit an der Möglichkeit, die Texte auszudrucken.
2. Immer häufiger werden Blogs gelesen und diese zeichnen sich nun einmal durch eine vergleichsweise geringe durchschnittliche Beitragslänge aus.
Den dritten Aspekt möchte ich als Zitat wiedergeben, da ich fürchte, ihn mit meinen unbedachten Formulierungen nicht adäquat abbilden zu können:
3. „Immer mehr reichweitenstarke Websites (wie z. B. Facebook, XING) bieten die Möglichkeit Statusmeldungen abzugeben (140 Zeichen). Diese werden ebenfalls am Bildschirm gelesen – und nicht ausgedruckt.“
Ich hätte gedacht, dass es sich hierbei um Twitter handelt, und Social Media Websites wie die oben genannten neben Kurznachrichten durchaus Raum für längere Texte lassen.
Aber kommen wir nun zum Fazit der Studie:
1. Das Verhalten von Nutzern im Web (hier: Lesen am Bildschirm) verändert sich relativ schnell.
2. Studienerkenntnisse die 8-10 Jahre „alt“ sind müssen kritisch hinterfragt werden. Wichtige Entscheidungen sollten nicht auf deren Basis getroffen werden.
3. Das Thema „Content-Usability“ muss wieder auf die Agenda von Website- und Shop-Betreibern.
Allein die Vorstellung, mir täglich meine Pinwand bei Facebook auszudrucken…
Aber an diesem Beispiel verdeutlich sich doch ganz gut das Problem dieser Studie. Sie arbeitet mit Studienergebnissen, die „8-10 Jahre als sind“, um dann zu dem Schluss zu kommen, dass diese wohl etwas überholt sein. Jetzt mal unter uns: Wir reden hier vom Internet, dem sich wohl am rasantesten veränderten Raum, in dem Menschen miteinander agieren. Facebook, Xing, Twitter und Co. – daran war doch noch vor wenigen Jahren gar nicht zu denken. Natürlich verändert sich das Leseverhalten. Und selbstverständlich spielt auch die technische Entwicklung eine Rolle, so zum Beispiel Monitore mit immer besserer Auflösung oder ein deutlich schnellerer Internetzugang. Früher musste man doch um sein Augenlicht bangen, wenn man den Tag am Rechner verbracht hat. Darüber hinaus sind Websites heute zumeist stark untereinander vernetzt, so dass Ausdrucken den Verlust zusätzlicher Information bedeutet.
Die Studie will im Ergebnis aufrütteln und mit dem alten Vorurteil aufräumen, dass „die Nutzer eh nicht am Bildschirm lesen würden und Website-Betreiber sich daher „in Bezug auf die Textstruktur und Textgestaltung“ kaum Mühe geben müssen.
Jetzt mal im Ernst, für diese Erkenntnis hätte es nun aber wirklich keine Studie bedurft – aber das ist auch nur meine ganz persönliche Meinung. Immerhin wissen wir jetzt: „6 von 10 Webnutzern/-innen lesen Texte immer öfter am Bildschirm“ – wer hätte das gedacht…