Do you read me!?

In Berlin Mitte betreiben Mark Kiessling und Jessica Reitz den Laden „Do you read me?!“. In ihren Regalen finden sich nationale und internationale Zeitschriften, die sonst kaum ein Zeitschriftenkiosk führt. Weil sich diese Idee inzwischen zum Anlaufpunkt von Printliebhabern entwickelt hat, wurde gerade ein zweites Geschäft eröffnet. Wir sprachen mit Jessica Reitz über besondere Magazine, die vermeintliche Printkrise und die besten Magazinmacher-Strategien.

© Achim Hatzius 2011

 

Vielleicht kannst du erstmal erklären, was eigentlich hinter „Do you read me?!“ steckt?

Jessica Reitz: Wir sind in erster Linie ein Magazinladen. Die Idee „do you read me?!“ zu gründen, entstand aus der Unmöglichkeit die vielen guten Zeitschriften, die wir aus dem Ausland kannten, auch in Deutschland zu beziehen. Das wollten wir ändern und haben uns entschlossen, einen Laden für internationale Magazine zu gründen. Unsere eigenen Schwerpunkte liegen dabei auf Themen wie Architektur, Fotografie, Mode, Typografie und Kunst. Außerdem haben wir auch ausgewählte Bücher im Sortiment, allein schon als kleinen Kontrast zu den oft kurzlebigeren Zeitschriften.

Mit welchem beruflichen Hintergrund habt ihr den Laden gegründet:

Jessica Reitz: Mark Kiessling ist Designer und ich komme aus dem Buchhandel. So konnten wir beide Seiten zusammenbringen.

Inzwischen habt ihr auch noch einen zweiten Laden mit einem Reading-Room. Was ist das genau?

Jessica Reitz: Unser zweiter Laden hat eine kleinere Verkaufsfläche und dafür einen größeren Reading-Room, in dem wir den Hintergrund der Zeitschrift etwas mehr beleuchten wollen. Neben einer Präsenzbibliothek gibt es dort auch regelmäßige Veranstaltungen wie Ausstellungen oder Lesungen.

Nach welchen Kriterien wählt ihr die Magazine für euer Sortiment aus?

Jessica Reitz: Inzwischen nimmt genau diese Auswahl die meiste Arbeitszeit in Anspruch. Gute Recherchequellen sind natürlich Blogs oder Magazine, in denen interessante neue Zeitschriften besprochen werden. Manchmal kennt man auch die Macher selbst oder es kommen Kunden mit Tipps auf uns zu. Und wenn uns das Konzept gefällt, nehmen wir die Zeitschrift ins Sortiment auf. Eine weitere Vorraussetzung ist auch die Lieferbarkeit. Viele Magazin sind echte Liebhaberprojekte ohne ein großes Verlagshaus dahinter. Das macht die Distribution oft schwierig. Neben den kleinen Magazinen setzen wir aber auch auf etablierte Titel wie art oder Monopol. Eine hohe Auflage bedeutet ja nicht sofort eine schlechtere Qualität.

Wie sieht denn euer typischer Kunde aus? Sind das nur Printnostalgiker?

Jessica Reitz: Den typischen Kunden gibt es gar nicht, die Bandbreite ist echt sehr groß. Zum Beispiel haben viele selbst ein „Magazin-Hintergrund“, sprich sie arbeiten regelmäßig für Verlage, sei es nun als Fotograf, Redakteur oder Modemacher. Es sind aber genauso Privatleute, die sich für unsere Themen interessieren. Altersmäßig geht das wohl bei 15 los und hört nicht vor 70 Jahren auf. Von dieser Breite sind wir selber immer noch sehr überrascht.

Schauen wir doch mal auf die andere Seite – Wie sehen die typischen Magazinmacher aus eurem Sortiment aus?

Jessica Reitz: Auch das ist sehr unterschiedlich. Es gibt einige Macher, die inzwischen von ihren Magazinen leben können. Dann gibt es die Gemeinschaftsprojekte, in denen jeder noch einem anderen Beruf nachgeht und die Zeitschrift vielleicht nur halbtags gemacht wird. Wieder andere Magazine sind wirkliche „Liebhaber“-Projekte, die nach Feierabend entstehen und kein Geld abwerfen. Was alle diese Beispiele gemeinsam haben, ist die Leidenschaften dahinter.

Was sind denn aus deiner Sicht als Kauffrau entscheidende Erfolgskriterien für Magazine?

Jessica Reitz: Ganz wichtig: Die Macher müssen sich klar darüber sein, was sie wollen. Aus meiner Sicht als Kauffrau muss ich immer wieder feststellen, dass der Weg zum Leser dabei gerne vergessen wird. Die Frage „Wie kommt es denn in den Laden?“ wird häufig sehr spät gestellt. Man muss sich einfach entscheiden, ob man zu einem teueren Pressevertrieb geht oder seine eigene Vertriebsstrategie entwirft. Wir bekommen zum Beispiel Magazine ohne Lieferschein, manche kann man erst gar nicht bestellen oder die Gründer haben keine Ahnung von möglichen Wegen ihre Arbeit bekannter zu machen.

Wird die Zeitschrift eigentlich immer mehr zum Nischenprodukt?

Jessica Reitz: Ich höre als Buchhändlerin schon seit 15 Jahren vom Tod der Bücher, entsprechend kritisch sehe ich auch solche Prognosen für den Printmarkt. Wir diskutieren sowohl mit den Machern als auch mit den Kunden häufig über die Zukunft der Zeitschrift. Online ist ohne Frage ein weiterer und sehr wichtiger Weg, aber es wird auch immer den anderen Bedarf geben. Ich arbeite zum Beispiel viel am Rechner und möchte deshalb nicht noch die lange Reportage auf dem iPad lesen, sondern genieße das Papier in meinen Händen. Außerdem gibt es auch genug Dinge, die digital nur ansatzweise funktionieren. Eine hochwertige Bildstrecke auf edlem Papier kann das iPad nicht leisten. Gleiches gilt auch für unübliche Maße und Formate. Ich denke, der Kampf zwischen digitalen und gedruckten Medien wird häufig auch herbeigeredet. Das gilt natürlich nur für unseren Bereich, bei tagesaktuellen Themen und kleinen Meldungen sieht das schon wieder anders aus.

Wie viele deiner Magazine schaffst du noch selber zu lesen?

Jessica Reitz: Das mit dem Lesen ist es wirklich ein Problem. (lacht) Ich lese vieles nur noch quer, einfach aus Zeitmangel.

Welche drei Magazine schätzt du denn persönlich besonders?

Jessica Reitz: „Ein Magazin über Orte“ – das ist ein Fotomagazin aus Berlin. Deren Entwicklung haben wir über die Jahre mitverfolgt. Die Macher arbeiten viel mit Veranstaltungen und Ausstellungen und sind entsprechend kreativ mit ihrer Präsentation. Ein sehr unkonventionelles Magazin ist das „Manzine“ aus England. Es ist ein Männermagazin, das von einer Handvoll freien Journalisten gemacht wird. Die Macher schreiben alle für internationale Toptitel wie Playboy oder GQ. Die Aufträge von den Großen sind aber häufig nicht ihre eigenen Themen, deshalb machen sie nebenbei das Manzine für alle Geschichten, die sonst nicht möglichen wären. Die Optik dabei ist sehr reduziert und es sieht ein bisschen aus wie ein kleines unscheinbares Heftchen. Beim Lesen ist man aber wirklich von dem großartigen und hochwertigen Inhalt gefesselt Das dritte Beispiel ist noch etwas jünger und heißt Infographics. Die Gründer arbeiten eigentlich als freie Agentur und das Projekt ist ihre Herzensangelegenheit. Gerade ist die dritte Ausgabe erschienen und gehört zu den gutverkauften Titeln im Laden, obwohl es echt eine sehr kleine Nische bedient.

 

Ein Gedanke zu „Do you read me!?“

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