Von der Halbwertszeit der Medien, Vergangenem und Verblassendem

Noch immer hallen sie nach, die „Extrablatt!“-Rufe der Zeitungsjungen. Ob beim jüngsten Front-Bericht, dem letzten Postkutschenraub oder dem legendären Untergang der Titanic – sie waren stets dabei. Und mit den Rufen das begehrte Druckwerk, voll an wertvollen Informationen und die einzige informelle Verbindung zur Außenwelt. Wer nicht schnell genug war, ging leer aus. Isoliert. Informationslos.

Begehrt waren nicht nur die Extrablätter; auch die Tageszeitungen erfreuten sich reger Beliebtheit und wer es sich leisten konnte, oder zumindest wollte, verbrachte keinen Morgen ohne seine geliebte Zeitung. Jahrelang. Jahrhundertelang.
Auch wenn die Auflagen mittlerweile vielerorts stark reduziert wurden, so ist die Zeitung an sich immer noch omnipräsent. Auf dem Frühstückstisch, im Wartezimmer, in der U-Bahn – quasi überall. Den Jahrhunderten zum Trotz. Ihre Aufgabe ist noch dieselbe wie eh und je, lediglich ihr Stellenwert in der Gesellschaft musste Einbußen erfahren. Die Zeitung ist eben nicht mehr der einzige Informationsquell und –zugegeben– nicht der aktuellste, doch ihre Vorreiterrolle und ihr ewiger Erfolg bleiben unbestritten.

Oliver Gutknecht – www.webworld-lahr.de

Anders gestaltet es sich dagegen beim altbewährten Radio. Seine Erfindung war revolutionär, sein Markteintritt zu Beginn noch stockend, sein späterer Markterfolg jedoch überwältigend. Jahrelang musste für ein Radio oft mehr als nur ein Monatsgehalt aufgewendet werden, bis dann der berühmte Volksempfänger zu einem „Spottpreis“ von heute ca. 300 Euro zu haben war. Und spätestens in den 80er Jahren konnte man nahezu in jedem deutschen Haushalt mindestens ein Radio finden – und das in zentraler Rolle. Familien versammelten sich um ihr Radiogerät um die Nachrichten zu hören, Fußballreportagen zu lauschen oder einfach den Abend zu genießen. Jugendliche versuchten am Radio die neuesten Trends auszumachen und keinen Hit zu verpassen. Das Radio, es hatte Kultstatus und einen enormen Einfluss. Das zeigte sich auch in diversen Liedtexten der Radiozeit-Ikonen. Wollte man eine Stadt auf Rock’n’Roll aufbauen, so musste man dazu einfach Radio hören. Das Empfangsgerät schaffte es zu seinen Hochzeiten sogar in die Hauptrolle mancher Songs, wie in Queens „Radio Ga Ga“, einer Hommage an den fulminanten Einfluss des Radios selbst.

Doch selbst Freddie Mercury & Co warnten schon in diesem Lied das Radio davor, kein Hintergrundgeräusch zu werden. Doch nun, rund 30 Jahre später, was ist das Radio da, nüchtern betrachtet, noch mehr als ein Hintergrundgeräusch? Natürlich ist es ganz schön beim Autofahren oder beim Kochen, doch abends siegt nun einmal doch der Fernseher. Hintergrunduntermalung eben. Die zentrale Rolle des Radios, sie währte. Jahrelang. Jahrzehntelang. Aber auch nicht länger.

Und ähnlich erging es einst groß angepriesenen „neuen Medien“ wie dem Teletext oder gar dem Bildschirmtext. Ersterer ist ganz nett, doch als eigenständiges Medium wurde er nie angesehen. Letzterer, welcher nie mehr als eine bloße Randbemerkung in den großen Teilen der Bevölkerung wurde, ist bereits seit 2001 eingestellt. Abgeschaltet.

Wer schulpflichtige Kinder hat, wird entsetzt feststellen, dass sie womöglich schon nicht mehr wissen, was VHS-Kassetten sind. Was waren sie einst für eine Revolution, haben sich durchgesetzt gegen Video 2000 oder Beta-Kassetten und den Markt revolutioniert. Kompatible Player und Rekorder hielten Einzug in unzählige Wohnzimmer und die Filmindustrie jubelte obgleich des Riesenumsatzes mit ihren Filmkassetten. Erstmals war es möglich, selbst das Programm zu bestimmen und unabhängig von Sendezeiten, ja sogar von Empfang, seinen Wunschfilm zu sehen. So begann der Siegeszug der VHS-Kassette. Jahrelang. Aber absolut nicht länger. Damals noch unvorstellbar, dass irgendetwas je diese Supertechnik in den Schatten stellen oder gar in Vergessenheit geraten lassen könnte.
Doch nun sehen wir uns eben keine VHS-Kassetten mehr an, wir schauen DVDs. Oder gar Blue-Rays.

Und wer hat nicht einst mit Audiokassetten seine Lieblingslieder aufgenommen? Wer es tat, wird wohl mittlerweile auch CDs benutzen, oder gar den PC.

Und doch scheint vor uns gerade das mächtigste Medium seinen unnachahmlichen Siegeszug zu beschreiten. Eine zweite Zeitung möglicherweise. Oder eben viel mehr.
Doch auch das kommt nicht von ungefähr, das Internet ist, abgesehen von seinen unzähligen Neuerungen, Nutzungsmöglichkeiten und Vorteilen, auch eine Komposition aus Vergangenem. Die Wirkung von Überschriften und Bildern konnte die Zeitung lange Zeit austesten, der Effekt von Audio- und Filmdateien ist ebenfalls schon längst bekannt und selbst Kleinigkeiten sind vertraut, so ähneln Bedienelemente bei Videos oder ähnlichem doch den uns vertrauten VHS-Rekorder-Zeichen.
Doch Radio und VHS machten es eindrucksvoll vor: wenn man sich nichts Besseres vorstellen kann, heißt das nicht, dass dies niemand anderes kann. Die Welt dreht sich eben stetig weiter.
Dass das Internet eine höhere Halbwertszeit als Vergangenes besitzt, muss es erst noch zeigen. Auch wenn ein Verfall nicht in Sicht ist, die Welt dreht sich eben stetig. Ewig.

Ein Gedanke zu „Von der Halbwertszeit der Medien, Vergangenem und Verblassendem“

  1. Wer dort bleibt, wo er sich im Moment befindet und keine Bereitschaft aufbringt, den Trend und eine Entwicklung mitzugehen, der wird schon bald der Menschheit und Ihren andersartigen Bedürfnissen hinterher rennen. Damit uns selbst die Puste nicht ausgeht, heißt es, Ruhe zu bewahren und den Fokus neu anzusetzen. Radio und Tageszeitung gehören auch noch in mein Leben, doch nehmen Sie eine andere Rolle, wie es noch vor einigen Jahren der Fall war. Ich nutze zusehend das Web-Zusatzangebot und bevorzuge die Ruhe und Abgeschiedenheit der Stile, um mich auf das zu besinnen, was mir eigentlich wichtig ist.

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